Zwanzig Minuten vor Turnierbeginn trudelt der Vertreter des Bezirks ein. Der Spielplan für die fünf Mannschaften wird ausgelost, was sich als schwierig erweist, da der Hamelner Meister noch fehlt. Der bekommt prompt das erste Spiel zugelost. Die erste Begegnung wird getauscht, ZeeBee zieht die "5" und hat erst das dritte Spiel. ZeeBee nimmt sich vor, in Ruhe die vier Gegner von der Tribüne anzuschauen. Die erste Begegnung beginnt. ZeeBee nimmt Zettel und Stift in die Hand, will sich Notizen machen, verweigert einen angebotenen Kaffee: "Muß arbeiten." Nach drei Minuten verschwinden die Unterlagen wieder in der Sporttasche. Standhandball, Rumgewühle, passive Abwehrreihen. ZeeBee weigert sich weitere Notizen zu machen.
Hameln taucht nicht auf, die dritte Begegnung wird vorgezogen. Der gastgebende Meister aus dem Kreis Diepholz ist der erste Gegner, präsentiert Standhandball, Rumgewühle, eine passive Abwehrreihe. Nach wenigen Minuten stellt sich heraus, im Kreis Diepholz gelten Hausregeln. Regel 7:11 der Internationalen Handballregeln ist außer Kraft gesetzt. Der Gegner bekommt den Ball, nimmt den Kopf nach unten, rennt in die Abwehr hinein, lässt sich hinplumpsen. Freiwurf - Freiwurf - Freiwurf - Freiwurf- usw. Im Idealfall hat die Angreiferin genügend Schwung, schiebt die Abwehrspielerin in den Torkreis und holt einen 7m heraus. ZeeBees Mädchen werfen ein 18:10 heraus. Der Gastgeber aus dem Heimatkreis der Schieris ist überwunden, die Schiedsrichter sollten in den kommenden Spielen dann wieder "normal" pfeifen dürfen.
Hameln taucht noch immer nicht auf. Die nächste Begegnung läuft an. Die Elternschaft zeigt sich angesichts des ersten Spiels erstmals optimistisch und betrachtet misstrauisch den nun wieder dargebotenen Standhandball. Bislang teilte man den Optimismus des Trainers nicht. ZeeBee schüttelt den Kopf, bemerkt eine gefährliche Selbstsicherheit aufsteigen. Einem Vater gesteht ZeeBee, dass der bisherige Turnierverlauf höchst bedenklich ist. ZeeBees Arroganzlevel ist im roten Bereich und er erinnert sich, dass in der Handballecke jemand mal geschrieben hat, dass bei der Frauen-EM nur Norwegen und Trefilov die Russinnen schlagen könnten. Eine Mannschaft wie Norwegen ist heute nicht dabei...
Hameln taucht wohl nicht mehr auf, das vermeintliche Finale ist das zweite Turnierspiel des SV A.L. und dem TuS. Der Gegner hat eine große Kreisläuferin, zwei kleine, flinke Mädchen auf RM und RA (LH) und eine kräftige Spielerin auf Rückraum Rechts (ebenfalls LH). ZeeBee schätzt die Linkshänderin auf RR als am torgefährlichsten ein, hat sie aber mit ihrer Kreisauswahl schon in Aktion gesehen. Das technische Repertoire erschöpft sich in einem unvorbereiteten Antritt zur Wurfhand, Abschluss links unten. Läuft sie über die Mitte hinaus, Abschluss rechts unten. Bei Verzweiflung Überzieher. Trotz Vorbereitung der Abwehr bekommen ZeeBees Mädchen Rückraum Rechts nicht in den Griff. Halb Links steht immer wieder parallel auf den Füßen, lässt den Durchbruch zur Mitte zu. Ludmilla weiß um die Lieblingsecke, kann aber nicht alle Bälle entschärfen. RR nutzt die gefühlten achthundert Freiwürfe zum Antritt zur Mitte, Vorne Mitte tritt nicht schnell genug entgegen. Das Spiel bleibt eng. Sekunden vor der Halbzeit packt Trude noch mal ein Pfund aus und hämmert den Ball weit aus der Fernwurfzone in den Winkel.
In der zweiten Hälfte löst die Abwehr die Situation besser. ZeeBees Mädchen liegen drei Tore vorne. ZeeBees Arroganzlevel ist im bedrohlichen Bereich, wechselt alle drei Auswechselspielerinnen ein. Der Vorsprung schmilzt dahin. ZeeBee wechselt zurück, die Mädchen verdaddeln nun mehrere Pässe. Unentschieden. Abpfiff. Zickenalarm hoch drei. Die Schiedsrichter. Das Kampfgericht. Die Torhüterin. Die Mitspielerin zur Rechten. Die Mitspielerin zur Linken. ZeeBee beruhigt die Gemüter, zieht sich mit den Durchführungsbestimmungen zurück. Das Turnier wird nach Punkten entschieden. Dann nach Torverhältnis. Dann der direkte Vergleich. ZeeBee wirft einen Blick auf den Turnierverlauf. Nach Toren liegt seine Mannschaft mit zwei Toren vorne.
ZeeBee schmollt, zieht sich zurück. Meidet die Eltern. Meidet die Mädchen. Letzteres ist auch nicht schwierig, von denen fehlt jede Spur. ZeeBee wird nervös. Vor seinem geistigen Auge sieht er die Mädchen aus Frust bergeweise Kuchen vertilgen. ZeeBee eilt Richtung Kabinen, trifft die Eltern von Roggisch. "Die Mädchen sind in der Kabine. Du hättest sie dorthin bestellt." Aha. Ein Formwandler muss ZeeBees Gestalt angenommen und die Mädchen getäuscht haben. Und nun füttert er sie wahrscheinlich mit Kuchen. ZeeBee platzt in eine Mannschaftsbesprechung hinein. "Störe ich?" Trude hat die Sitzung einberufen, schwört die Truppe auf das letzte Spiel ein. Fragt nach Optimierungsvorschlägen. Hört sich Kritik an - nicht alle mögen es, im Spiel angeschrieen zu werden. Trude gelobt Besserung, fordert eine mannschaftsdienliche Spielweise, nimmt sich da selbst nicht aus. ZeeBee ist stolz auf sein Team!
L. spielt im vorletzten Spiel gegen die Heimmannschaft, die bislang beide Begegnungen verloren hat. ZeeBees Mädchen feuert B. an. Standhandball, Rumgewühle, passive Abwehrreihen. ZeeBee freut sich über die verrinnende Zeit. Endlosangriffe, da Regel 7:11 im Kreis Diepholz ja nicht zur Anwendung kommt. B. bricht dann irgendwann ein. L. gewinnt mit 12 Toren Differenz und liegt mit 10 Toren und zwei Punkten in der Gesamtwertung vorne.
Das letzte Spiel des Turniers. Die SG O. gegen den TuS. 10 Tore Differenz zum 7m-Werfen. 11 oder mehr Tore zur Bezirksmeisterschaft und der direkten Quali zur Landesliga wC. Da "passives Spiel" nach den Hausregeln nicht gepfiffen wird, verordnet ZeeBee gegen den körperlich und technisch schwachen Gegner eine offene Manndeckung. Für Endlosangriffe bleibt keine Zeit, der Ball muss her! ZeeBees Plan scheint aufzugehen. Nach drei Minuten steht es 4:0. Dann setzen die Schiedsrichter Handballregel 8:1 d) außer Kraft. Gegen 14:04 mitteleuropäischer Zeit ist jeglicher Körperkontakt verboten. Ball rausgeprellt - Freiwurf. Ball abgefangen - Freiwurf. Ball rausgeprellt - Freiwurf.... Mit 7:3 geht ZeeBees Team in die Halbzeit und muss sich erst einmal beruhigen. ZeeBee stellt die Deckung um, die offene Manndeckung spielt dann eben enger am Mann, aber körperlos.
14:15 mitteleuropäische Zeit. Die Frisur sitzt. Der SV A.L. bangt auf der Tribüne, macht sich Hoffnung. ZeeBee wirft einen strategischen Blick durch die Halle, macht blitzschnell alle möglichen Fluchtwege ausfindig. Anpfiff. In den kommenden sechs, sieben Minuten fegt ein Sturm durch die Halle. Die Mädchen setzen die offene Manndeckung im Rahmen der Hausregeln um. Unterbrechen jeden Angriff der SG O. Fangen die Bälle ab. Laufen Gegenstöße. Zerschießen das Tornetz. Laufen zurück. Holen sich den nächsten Ball. Laufen den nächsten Gegenstoß. Beim 15:4 ist der 11 Tore Vorsprung erreicht. ZeeBee reckt die Fäuste zum Himmel. Der Sturm ist noch nicht vorüber. ZeeBees Mädchen sind hungrig, haben kein Mitleid mit dem Hildesheimer Meister. Die Eltern zählen die letzten zehn Sekunden runter. Beim Schlusssignal steht es 22:6. Kein Norwegen, kein Trefilov - der TuS ist Bezirksmeister!
Dein
Karsten