Der Gegner ist - wie immer - im Schnitt einen Kopf größer und fünfzehn Kilo schwerer. ZeeBees Anfängerinnen werden es mal wieder nicht ganz leicht haben. "Sind wir nun zwei zu wenig?", ist die berechtigte Frage. "Wenn der Trainer kein Arschloch ist, spielt er ebenfalls zu viert. Falls doch, soll uns das aber nicht stören." Bis kurz vor der Halbzeit spielen sechs große kräftige Dorfschönheiten gegen ZeeBees kleine Mädchen. Etwa beim 1:16 bemerkt der gegnerische Trainer plötzlich die eklatante körperliche, technische, taktische, zahlen- und altersmäßige Überlegenheit seiner Mannschaft und spielt nur noch in einfacher Überzahl. "Ich hoffe, das ist in Ordnung, dass ich eine Spielerin runtergenommen habe?", fragt der Meistertrainer scheinheilig in der Halbzeit. ZeeBee denkt sich seinen Teil, verkneift sich alle spontanen Beleidigungen und nickt freundlich ab.
ZeeBees Mädchen kennen aus dem Training mit der E-Jgd. nur eine Manndeckung. Vor einer Fleischmauer auf der Freiwurflinie erstarren sie in Ehrfurcht. Prellen zehn Meter nach links, zehn Meter nach rechts, fünf nach links und werfen dem Gegner den Ball entweder in die Abwehrarme oder passen zum gegnerischen Torwart. "Nicht zum Torwart spielen! Da gibt es eine Regel gegen." Angriffsspiel in großen Räumen, oder so ähnlich heißt es in der Rahmentrainingskonzeption für die D-Jgd. Die Fünfer-Fleischmauer wackelt ein wenig nach links, wackelt ein wenig nach rechts, macht keinerlei Anstalten die schwierige Aufgabe "Ballgewinn gegen Anfängerinnen" anzugehen und wartet gemütlich ab, bis ihnen der Ball in die Arme fliegt. Das erklärt den Tabellenstand, leider spielen die übrigen Mannschaften der Liga auch keine kreativere Deckungsweise. Die Liga der außergewöhnlich geschulten Trainer... ZeeBees Mädchen stellen mit der offenen Manndeckung die Exoten dar.
Das Spiel hat ZeeBee bis zur letzten Minute nicht abgehakt. Zuordnung hier, Stellung zur Ballführerin da, Körperkontakt, Ball rausspielen, werfen aus dem Lauf, Abstand zur Abwehr - es gibt immer noch etwas zu korrigieren. Die gegnerischen Eltern halten ZeeBee wahrscheinlich für bekloppt. Klitzekleine Verbesserungen im individualtaktischen Verhalten einzelner Mädchen belohnen das Stimmbandtraining. Die letzen drei Minuten bemerkt der gegnerische Trainer plötzlich die eklatante körperliche, technische, taktische, zahlen- und altersmäßige Überlegenheit seiner Mannschaft und spielt in Gleichzahl. Das Spiel endet 3:30. "So many assholes, so few bullets."
Mittags trifft sich die wD I zum Auswärtsspiel. Der Gegner hat im ersten Punktspiel den Meisterschaftsfavoriten mit sieben Toren geschlagen, ist dann aber in ein geradezu unglaubliches Tief gestürzt. ZeeBee kann sich die Formkurve nicht erklären, verfügt der Gegner über eine starke Linkshänderin und eine Torhüterin in der Kreisauswahl. Die eigene Bilanz gegen den TSV N. lautet 0:3. Zeit für eine Bilanzaufbesserung!
Beim Aufwärmen vermisst ZeeBee die beiden Auswahlspielerinnen des Gegners. Die laufen offenbar nur noch für die C-Jgd. auf, während die Anfängerinnen sich in der obersten Liga der D-Jgd. beweisen dürfen. ZeeBee wundert sich über die Vereinsstrategie. Erster Angriff - 0:1. Angriff für den Gegner, Ball abgefangen, 0:2, wieder Ball abgefangen, 0:3. ZeeBee vermag nicht den Hauch von Gegenwehr erkennen und nimmt sofort eine Spielerin runter. Ball abgefangen - 0:4. ZeeBee nimmt sogleich die zweite Spielerin runter. Etwa drei Minuten später nimmt ZeeBee erstmals in seiner Trainerlaufbahn ein TTO für eine taktische Besprechung. ZeeBee erklärt seinen zehn Spielerinnen, dass entweder in dreifacher Unterzahl weitergespielt oder aber eine andere Maßnahme ergriffen wird. Die Mannschaft ist von der dreifachen Unterzahl wenig begeistert. ZeeBee will den Prellgegenstoß unterbinden, verspricht sich und verbietet das Prellen insgesamt. Beim nächsten Angriff passt der Gegner zu Trudchen im Tor, langer Pass über die Mittellinie, Lieschen fängt, macht drei Schritte, hält inne, überlegt, steigt bei dreizehn Metern hoch und nagelt den Ball ins Tor. ZeeBee verflucht seinen Plan.
Zur Halbzeit steht es 0:22. ZeeBee sucht fieberhaft nach einer Lösung des Dilemmas. Jahrelang auf den "blutrünstigen" Trainern herumgehackt, die solche Ergebnisse erzielen und nun droht der ethische Offenbarungseid. Sechs Mädchen auf der Bank und vier auf der Platte will ZeeBee nicht ausprobieren. Das Protestgeschrei würde den Sonntag vergällen. Von Torchanchen absichtlich auslassen hält ZeeBee nichts; der Gegner muss nicht noch verhöhnt werden. Zeitlupenhandball scheidet aus ähnlichen Gründen aus. ZeeBee belässt es bei den bisherigen Einschränkungen und konkretisiert das Prellgegenstoßverbot noch einmal. Lediglich die vier Auswahlspielerinnen sollen weniger Einsatzzeiten bekommen. Eine Sache wäre da noch zu klären. Ludmilla, die Torhüterin nach der Pause, bietet aus eigener Initiative an, einen Ball durchzulassen. ZeeBee ist stolz auf seine Spielerin.
Die erste Vier in der zweiten Hälfte ist so ausgewählt, dass der Größenvorteil erst einmal dahin ist. Die Mädchen tun sich in doppelter Unterzahl etwas schwer, häufig stolpert eine Gegnerin versehentlich in geplante Pass- und Laufwege. Und ohne Laufbereitschaft wird der Angriff plötzlich langsamer. Mit Verzögerung wechselt ZeeBee durch, das Tempo steigt wieder. Ludmilla fängt die meisten Torwürfe und spielt überragende Gegenstoßpässe. Positionsspiel findet nur noch in unserer Hälfte statt, in die Gegenrichtung gibt es nur noch die erste Welle. Gegenstöße unterbinden? Bei freien Würfen ist die kleine Torhüterin zumindest weniger gefährdet. Die hatte in der ersten Hälfte schon einen bösen Bauchtreffer von Trude aus einem (Mini-)Kempaversuch heraus einstecken müssen. Kein Geschenk! Also lieber Tempospiel.
Ludmilla hält ihr Versprechen, baut einen Stolperer ein und lässt ein Gegentor zu. Das Spiel endet 1:41. Diese Saison bereits eine Spielerin eines anderen Vereins angegraben, das erfolgsorientierte Ziel Meisterschaft gesetzt (sonst ist der Weg zur Quali zur Landesliga wC verbaut), ein Spiel mit vierzig Toren Differenz gewonnen - ZeeBee ist endgültig im "Club der bösen Jugendtrainer" angekommen.
Dein
Karsten
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Aufgenommen: Jan 07, 03:34
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Aufgenommen: Jan 10, 15:02